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Viele sind weiser als einer

Mittwoch, 01. Dezember 2010 Autor: Christian Hirsig 17,833 Aufrufe 1 Kommentar

Vor fünf Jahren arbeitete ich in einem E-Business Team der Post. Unser Team hatte den Auftrag, eine Online-Briefmarke zu entwickeln. Einen hässlichen Data-Matrix-Code, den man auf der Internetseite der Post kaufen konnte. Das Budget, die Anforderungen und der Zeitplan waren klar und wir machten uns auf den Weg in ein klassisches E-Business-Projekt. Die definierten Rahmenbedingungen bliessen die letzten Ansätze von Kreativität aus unseren Köpfen. Vier Monate nach Projektstart war ich zum Mittagessen mit einem ehemaligen Studienkollegen verabredet. Voller Freude stellte ich ihm unsere tolle Online-Briefmarke vor und schloss mit der Frage: “Und würdest du sie kaufen?”. Er antwortete trocken “Nö, wieso? Ist sie wenigstens preiswerter?”. Bei Monopolpreisen leider schwierig. Ich entgegnete nach Argumenten ringend, dass man dank der Online-Briefmarke bei der Post nicht mehr Schlange stehen müsse und auch in der Nacht Briefmarken kaufen könne. Sein Bedürfnis hatte ich aber damit wohl nicht getroffen. Verzweifelt versuchte ich den Spiess zu drehen: “Gibt es denn einen Grund, warum du unsere Online-Briefmarke kaufen würdest?” Mit dieser Frage stiess ich in ein Bienennest. Plötzlich begannen seine Augen zu funkeln und er erzählte aufgeregt: “Ja, den gibt es. Wenn ich ein Foto meiner neugeborenen Tochter hochladen könnte und ihr mir eine individualisierte Briefmarke generiert, dann würde ich alle Geburtenanzeigen mit eurer Briefmarke versenden.” Ich traute meinen Ohren nicht. Das war so einfach und klar. Warum waren wir nicht auf diese Idee gekommen? Ein Team von fünf Mitarbeitenden, die seit vier Monaten an diesem Projekt arbeiteten und sich mit nichts anderem beschäftigen. Die Antwort ist so einfach wie die Idee: Weil wir bisher nicht wussten, dass wir unseren ausgetretenen Pfad verlassen müssen. Kein Wunder kam mein ehemaliger Studienkollege auf diese Idee und nicht wir, denn er scherte sich einen Deut um unseren Pfad und bahnte sich einen eigenen Weg.

Industrialisiert man nun diesen Ansatz, dann baut man eine Community von ehemaligen Studienkollegen und deren Freunde, und den Freunden der Freunde auf. Und plötzlich hat man eine Gemeinschaft von 10.000 kreativen Köpfen. Diesen Unvoreingenommenen kann man nun fast jede Fragen stellen. Ob zu einem neuen Produkt, den verbesserungswürdigen Prozessen, einer kreativen Marketingkampagne oder der neuen Strategie: “Wie kann eine Fluggesellschaft Passagiere begeistern?”, “Wie sieht die Schokolade von morgen aus?” oder “Wie könnte unsere neue Studentenplattform heissen?”. Ist das Brainstorming mal lanciert, kommen rasch zwischen 200 und 800 Ideen zusammen. Am meisten Ideen werden bei spannenden Fragestellungen, von sympathischen Firmen und einer hohen monetären Prämie (zwischen EUR 2000 und 4000) eingereicht. Es muss an dieser Stelle wohl nicht erwähnt werden, dass die Firmen oft von der Unvoreingenommenheit der Externen überrascht werden. Häufig ist viel Unnützes darunter, aber immer sind auch ein paar Juwelen dabei. So wurden bereits neue Getränke, Nahrungsmittel, Bügeleisen, Küchenhilfen, Webangebote, Software, Versicherungen, Bankdienstleistungen und noch Vieles mehr entwickelt.

Eine wichtige Erkenntnis haben aber alle Beispiele zu Tage gefördert. Innovation findet niemals in einer Community statt. Innovation ist immer ein kognitiver Prozess im Unternehmen selbst. Von aussen können nur Inspirationen, Impulse oder Lösungen kommen. Und es bleibt die Erkenntnis: “Eine Idee ist nichts Wert, solange sie nicht erfolgreich umgesetzt wird.”

Dieser Artikel wurde geschrieben von:

Christian Hirsig

Christian Hirsig ist Head of Business und Co-Founder von Atizo der grössten online Brainstorming Plattform im deutschsprachigen Europa. Er twittert (@christianhirsig) und blogt (blog.atizo.com) regelmässig.

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1 Kommentar »

  • cweiler schrieb:

    Hallo Christian,

    es freut mich sehr, dass Du im Blog “Köpfe für Deutschland” einen Artikel platziert hast.

    An Deiner Aussage “Innovation findet niemals in einer Community statt!” ist viel wahres dran.
    Über Communities können sehr effizient Ideen generiert werden. Die Kraft der Communities liegt in der Fähigkeit der Vielen Ideen zu beurteilen und zu bewerten. Die Umsetzung der Idee als Innovation erfolgt durch die Organisation der Unternehmen. Diese Fähigkeit kann und soll eine Community nicht ersetzen.

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